Die neuen U-Wert und Technik-Rebellen

Entdeckt von E. Müller (am 24.08.) – als Kommentar viel zu schade:

Bald leben wir in unbezahlbaren Wohnmaschinen

„Wir stopfen die Häuser voll mit Technik, um den Energieverbrauch und damit die Betriebskosten zu senken.“ Und erreichten genau das Gegenteil.
https://www.welt.de/finanzen/immobilien/article199029017/Dritte-Miete-Bald-leben-wir-in-unbezahlbaren-Wohnmaschinen.html

Zitat 1:

Insbesondere den berühmten U-Wert hat Spehr im Visier – ein Wert, der für manche Bauingenieure fast schon eine religiöse Bedeutung zu haben scheint. Und den jeder normale Bauherr kennt, der sich heute mit Bauplänen und Dämmsystemen auseinandersetzt. Der U-Wert, oder Wärmedurchgangskoeffizient, gibt an, wie viel Wärme durch ein Bauteil nach außen abgegeben wird. Er ist gewissermaßen der Kern aller Vorschriften, die sich in der deutschen Energie-Einsparverordnung (EnEV) wiederfinden. Je mehr Dämmung, desto besser für den U-Wert, desto besser für ein Haus – eine scheinbar unumstößliche Regel. Doch Spehr sagt: „In der U-Wert-Formel ist nicht der Wert für die spezifische Wärmekapazität vorhanden. Das bedeutet, dass die Energiespeicherung in Bauteilen nicht berücksichtigt wird.“

Zitat 2:

Denn die wachsende Zahl technischer Einbauten ist nicht nur teuer in der Anschaffung, sondern zieht auch hohe Wartungskosten nach sich. Der Technikwahn fällt zusammen mit steigenden Baukosten und zunehmenden Personal- und Kompetenzproblemen im Handwerk. Leukefeld, aber auch andere Experten, sehen die deutsche Baukultur auf einem teuren Irrweg und fordern: Wir müssen uns stärker der Vereinfachung widmen. Sonst wohnen wir bald in unbezahlbaren Wohnmaschinen.

„Die Technik schlägt beim Bau eines größeren Einfamilienhauses mit etwa 30.000 bis 35.000 Euro Kosten zu Buche“, rechnet Leukefeld vor. „Die Energiekosten für Heizung und Warmwasser liegen im Betrieb später aber bei etwa 800 Euro jährlich. Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis mehr.“

 

Fazit:

Nichts Neues, aber schön, dass das Thema mal wieder aufgewärmt wird.

https://www.welt.de/finanzen/immobilien/article199029017/Dritte-Miete-Bald-leben-wir-in-unbezahlbaren-Wohnmaschinen.html

 

  1. E. Müller
    28.08.2019 um 08:57

    Da der Ursprungsartikel aus „Welt“ https://www.welt.de/finanzen/immobilien/article199029017/Dritte-Miete-Bald-leben-wir-in-unbezahlbaren-Wohnmaschinen.html mittlerweile aufgrund hoher Nachfrage hinter die Paywall verbannt wurde:

    „Dritte Miete“: Bald leben wir in unbezahlbaren Wohnmaschinen – WELT

    Timo Leukefeld ist alles andere als technikfeindlich. Ganz im Gegenteil. Der 49-Jährige ist Diplomingenieur, war Mitglied im Innovationsrat des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft, entwickelte das erste nach eigenen Angaben „bezahlbare energieautarke Haus Europas“, forscht und testet im Bereich Solarthermie und Fotovoltaik und erhielt diverse Preise sowie zwei Nominierungen für den Deutschen Umweltpreis. In Kalifornien besuchte er Unternehmen, die an der Digitalisierung des Wohnsektors arbeiten. Technophobie sieht anders aus.
    Und doch ist Leukefeld plötzlich zum Skeptiker geworden. Jedenfalls was die technische Ausstattung von Häusern mit immer neuen Features angeht. „Neubauten oder sanierte Wohnhäuser sind heute regelrechte Technikzentren“, sagt er. „In Einfamilienhäusern sorgen Wärmepumpe, Fußbodenheizung, Warmwasserboiler, Zirkulationen und Regler, die mit Wettervorhersage arbeiten, für immer teureren Komfort“, sagt er.
    Umfassende Wärmedämmung komme noch obendrauf. „Die hochgedämmten Gebäude benötigen kontrollierte Be- und Entlüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung. Hinzu kommt eine komplexe Gebäudeautomatisation, die durch smartes Wohnen weiter fortschreitet“, zählt der Experte auf. „Wir stopfen die Häuser voll mit Technik, um den Energieverbrauch und damit die Betriebskosten zu senken.“ Und erreichten genau das Gegenteil.
    Weshalb immer weniger Baugenehmigungen erteilt werden

    Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl der erteilten Baugenehmigungen um 2,3 Prozent gesunken. Die damit vorgesehene Entstehung von Wohnraum durch Politik und Bauwirtschaft, kann der hohen Nachfrage kaum gerecht werden.
    Quelle: WELT/ Nicole Fuchs-Wiecha
    Denn die wachsende Zahl technischer Einbauten ist nicht nur teuer in der Anschaffung, sondern zieht auch hohe Wartungskosten nach sich. Der Technikwahn fällt zusammen mit steigenden Baukosten und zunehmenden Personal- und Kompetenzproblemen im Handwerk. Leukefeld, aber auch andere Experten, sehen die deutsche Baukultur auf einem teuren Irrweg und fordern: Wir müssen uns stärker der Vereinfachung widmen. Sonst wohnen wir bald in unbezahlbaren Wohnmaschinen.
    „Die Technik schlägt beim Bau eines größeren Einfamilienhauses mit etwa 30.000 bis 35.000 Euro Kosten zu Buche“, rechnet Leukefeld vor. „Die Energiekosten für Heizung und Warmwasser liegen im Betrieb später aber bei etwa 800 Euro jährlich. Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis mehr.“
    Ein neues Geschäft für die Ableseunternehmen
    Die nächste Entwicklungsstufe seien Sensoren, beispielsweise zur Messung von Anwesenheit. Rauchmelder sind bereits Pflicht und müssen gewartet werden, Kohlenmonoxid-Detektoren kommen bald dazu. Zudem herrscht in Deutschland, und nur hier, eine ausgeprägte Warm- und Kaltwasserzähler-Kultur. Die Zähler werden alle fünf Jahre ausgetauscht, weil hierzulande absurd kurze Eichfristen gelten. Die neue Generation sogenannter „Smart Meter“, die eine digitale Ablesung der Verbrauchswerte ermöglichen sollen, wird noch einmal doppelt bis drei Mal so teuer. „Für die Ableseunternehmen entsteht hier ein neues Geschäft. Unter dem Strich werden mit neuen digitalen Wasser- und Wärme-Ablesesystemen die Kosten für die Nutzer nicht sinken, sondern möglicherweise noch steigen“, sagt Leukefeld.
    „All diese Technik ist für sich genommen sinnvoll und erscheint alternativlos. Doch hier entsteht neben der zweiten Miete, also den klassischen kalten und warmen Nebenkosten, eine neue, eine dritte Miete – jene mit den Kosten für Wartung und Instandhaltung immer teurerer Technik.“ Und diese dritte Miete, sagt Leukefeld, „wird die durch die eingebauten Komponenten eingesparten Energiekosten übertreffen“.
    Neben den energietechnischen Einbauten gibt es gerade im Mehrfamilienhausbau noch einen weiteren Kostentreiber: den Fahrstuhl. Allerorts würden Aufzüge eingebaut, mit der Begründung, dass quasi alle Bewohner der Gebäude in Zukunft auf barrierefreien Zugang angewiesen seien. „Nichts erzeugt höhere monatliche Wartungskosten als ein Fahrstuhl“, sagt der Ingenieur. Nehme man den Anteil jener Bürger, die im hohen Alter tatsächlich auf Barrierefreiheit angewiesen seien, würde es wohl genügen, die Erdgeschosse konsequent barrierefrei zu machen und auf teure Fahrstühle zu verzichten.
    Nicht zuletzt stellt Leukefeld fest: „Die Sollbruchstellen von Technik nehmen zu. Ein Heizkessel hat früher 50 Jahre lang gehalten. Heute ist die Lebensdauer etwa halb so lang. Der Wirkungsgrad nimmt zu, die Widerstandsfähigkeit nimmt ab.“
    Je mehr Dämmung desto besser?
    Leukefeld steht mit seiner Technik-Skepsis nicht alleine da. Auch der Hamburger Architekt Wolfram Spehr sieht die Sache mit den zahlreichen Ein- und Anbauten kritisch. Spehr leitet nicht nur das Büro Spehrarchitekten, sondern betreibt auch eine Wissensplattform namens „REIT – Real Estate Innovation und Technology“ –, ein Brainpool, in dem Wissenschaftler und andere Experten an digitalisierten Verfahren arbeiten, mit denen Gebäudeplanung und Bau ganzheitlicher und effizienter werden sollen.
    Der Hamburger sagt: „In der Theorie haben wir, meiner Meinung nach, ein falsches bauphysikalisches Denkmodell. Dieses geht davon aus, dass ein Gebäude ein reiner Warmluftbehälter sein soll“ – ein Kasten, der völlig abgekoppelt von den Klima- und Wetterereignissen in der Umgebung ist. „Das entspricht natürlich nicht den naturgesetzlichen Konstanten und führt zu völlig falschen Rechenergebnissen in der Energetik und ingenieursmäßigen Auslegung von Haustechniksystemen für Gebäude“, meint Spehr.
    Insbesondere den berühmten U-Wert hat Spehr im Visier – ein Wert, der für manche Bauingenieure fast schon eine religiöse Bedeutung zu haben scheint. Und den jeder normale Bauherr kennt, der sich heute mit Bauplänen und Dämmsystemen auseinandersetzt. Der U-Wert, oder Wärmedurchgangskoeffizient, gibt an, wie viel Wärme durch ein Bauteil nach außen abgegeben wird. Er ist gewissermaßen der Kern aller Vorschriften, die sich in der deutschen Energie-Einsparverordnung (EnEV) wiederfinden. Je mehr Dämmung, desto besser für den U-Wert, desto besser für ein Haus – eine scheinbar unumstößliche Regel. Doch Spehr sagt: „In der U-Wert-Formel ist nicht der Wert für die spezifische Wärmekapazität vorhanden. Das bedeutet, dass die Energiespeicherung in Bauteilen nicht berücksichtigt wird.“
    Experten forschen am „enttechnisierten“ Haus
    Generationen von Baumeistern kannten früher die Speicherfähigkeit von Bauteilen, konnten Wände entsprechend dimensionieren und sogar die Häuser insgesamt danach ausrichten. Berühmt sind etwa die Bauernhäuser im Schwarzwald, in denen Steinwände im Inneren die Ofenwärme speicherten und riesige nach Süden ausgerichtete Fassaden die Sonnenwärme aufnehmen konnten.
    „Grundsätzlich ist die Berechnung nach der EnEV eine stationäre Berechnung, die die dynamischen Verhaltensweisen von Klima und Wetterereignissen nicht abbilden kann“, sagt Spehr – eine Feststellung, die heute als revolutionär gelten kann, von früheren Generationen aber wohl als selbstverständlich belächelt worden wäre.
    „Mit diesem falschen bauphysikalischen Denkmodell werden Normen und Vorgaben verknüpft, die am Ende zu hochkomplexen Haustechniksystemen führen“, sagt Spehr – und trifft damit die Kritikpunkte des Ingenieurs Leukefeld. „Hier werden Technologieketten aufgebaut, die hohe Wartungs- und Instandsetzungskosten nach sich ziehen. Auch kann der Stromverbrauch für diese Geräte, zur Überraschung vieler Bauherren, explodieren.“
    Spehr fordert ein neues Denken. Er arbeitet bereits mit Programmen, die Gebäudeprojekte digital durchrechnen und die energetischen Eigenschaften simulieren. Heraus kommen oft Ergebnisse, die ein Gebäude mit weniger Aufwand und Material auskommen ließen.
    Leukefeld forscht unterdessen am „enttechnisierten“ Haus. Im kommenden Jahr will er ein quasi wartungsfreies Mehrfamilienhaus präsentieren: „Wir müssen uns trauen, viel beschworene Techniken infrage zu stellen.“

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  2. E. Müller
    28.08.2019 um 08:40

    Je smarter und kleiner, desto teurer wird das Wohnen:
    So lebt man auf nur 25 Quadratmetern zum Preis von min. 4000 € / Quadratmeter mit viel Technik und wenig Raum.
    https://www.nw.de/lokal/kreis_guetersloh/rietberg/22538362_Geht-das-ueberhaupt-So-lebt-man-auf-nur-25-Quadratmetern.html

    Voraussichtlich wird in Zukunft mein Gehirn auf das Volumen eines Smartphone geschrumpft …

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