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Bauphysikalisches Kasperletheater: Ultra-/Hydrophobie vs. Hydrophilie

Kommen Sie mit. Ich lade Sie ein auf einen kurzen Spaziergang durch die Geschichte der Irrungen und Wirrungen unserer „modernen Bauphysik“ im Bereich Fassaden mit besonderem Hinblick auf Algen an Fassaden. Dieser Beitrag steht in engem Kontext zum vorangehenden Artikel Wahnsinn Wärmedämmung: Fassaden vergiften Flüsse.

Falls Ihnen eines Tages ein „Experte“ über den Weg kommt und Sie vollquatscht von wegen hydrophob, superhydrophob und anderer beeindruckender Kunstworte – dann sind Sie hiermit gut vorbereitet und können dem erstaunten Fachmann erklären, dass er eh nur auf den Busch klopft. Ja, man könnte sich totlachen, wenn es nicht so traurig wäre.

***

„Wo kein Regenwasser hinkommt, gibt es keinen Bewuchs
Oder: auf trockenen Fassaden gedeihen keine Mikroorganismen
Offensichtlich stellt die Industrie kaum Anstriche her,
die an der Oberfläche ausreichend trocken bleiben !

Die Hersteller sahen bisher nur einen Ausweg:
Auch auf mit Bioziden ausgerüsteten Oberflächen
gedeihen keine Mikroorganismen,
aber nur so lang, bis die Gifte ausgewaschen sind.

Nach heutigen Erfahrungen sind je nach Rezeptur der Beschichtung die
wasserlöslichen Giftstoffe nach ca. 2 – 6 Jahren ausgewaschen.
Danach müssen neue Giftdepots aufgebracht werden.“

180.000 t Fassadenfarben + 360.000 t Putze mit biozider
Ausrüstung in Deutschland bedeuten mehr als 5.000 t Gift für
unsere Umwelt jedes Jahr:

Wo soll das enden ?
Neue Giftdepots bedeuten zusätzliche quellfähige

Polymerschichten, die die Austrocknung der Untergründe weiter
reduzieren, wodurch die Austrocknung verzögert wird:
Der Weg in die Sackgasse ist vorgezeichnet.

Mit Gift in die Sackgasse
Dr. Uwe Erfurth
Diplom-Chemiker, ö.b.u.v. Sachverständiger
IfB Institut für Bautenschutz S.L.
März 2007

***

„Die Verwendung superhydrophober Oberflächen ist aber dennoch umstritten. In einigen Experimenten wurde bereits die Effizienz selbstreinigender, unbenetzbarer Fassadenfarben als Schutz vor Mikroorganismen belegt (Born & Abdou, 2003). Andere Untersuchungen wiederum weisen auf die erhöhte Wasserverfügbarkeit bei Kondensation auf stark hydrophoben Oberflächen hin (Büchli & Raschle, 2004; Erfurth, 2006; Fitz et al., 2006; Krus et al., 2006)), die als ein „Besiedlungsfenster“ bei diesen Oberflächen ausgenutzt werden kann. Die Kondensation auf superhydrophoben Oberflächen stellt somit einen zentralen Punkt dar, dessen genaue Erforschung noch notwendig ist. Auch die Frage, welche Art der Befeuchtung, Beregnung oder Betauung in der Praxis das bedeutendere Besiedlungsfenster für Algen darstellt, ist ebenfalls noch ungeklärt.

Superhydrophobie und Selbstreinigung: Wirkungsweise, Effizienz und Grenzen bei der Abwehr  von Mikroorganismen. Dissertation zur  Erlangung des Doktorgrades (Dr. rer. nat.) der  Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät  der  Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
vorgelegt von  Zdenek Cerman
Oktober 2007
Seite 150 f.

***

Die von der Siliconharzindustrie propagierte Aussage „Siliconharzfarben halten die Fassade trocken …“ [8,9] muss mittlerweile sehr differenziert gesehen werden. So zeigen gerade ultrahydrophobe Oberflächen neben einer oft starken Verschmutzungsneigung [7] auch eine verstärkte Ausbildung von Wassertropfen an der Oberfläche bei Tau. [10]. In der Folge bleiben gerade stark hydrophobe Fassadenflächen länger oberflächlich nass. Eine Prophylaxe gegen Biobewuchs bedingt aber zwingend trockene Oberflächen. Denn nur „Was trocken bleibt – bleibt algenfrei“ [5].

Allgemein anerkannt ist die Erfahrung, dass der biogene Befall mit dem Wandaufbau zusammenhängt. Die monolithischen Wände besitzen für alle Himmelsrichtungen eine deutlich geringere Anfälligkeit als ein WDVS oder eine vorgehängte Fassade.

Allgemein anerkannt ist auch die Befürchtung, dass durch die zunehmende Dämmdicken mit einer Verschärfung der Befallssituation zu rechnen ist.“

Die hydrophile Alternative einer Algen- und Pilzvorbeugung ohne Biozide
I. Rademacher, Diedorf
Oktober 2009

zitierte Quellen:

„[8] A. Born, J. Ermuth, Hydrophobie schützt, Farbe und Lack, Vincentz Verlag Hannover 7/2001, S. 87
[9] Wacker Silicones , Siliconharzfarben für Fassaden, Broschüre der Initiative „Wir helfen den Fassaden“, 2007, S. 4
[7] E. Bagda, A. Ülgen, Was hat der Kunde vom Abperleffekt, Farbe und Lack, Vincentz Verlag Hannover 3/2006, S. 36
[10] H.M. Künzel, C. Fitz, Bauphysikalische Eigenschaften und Beanspruchung von Putzoberflächen und Anstrichstoffen, WTA – Schriftenreihe, Heft 28, WTA – Publications München 2006, S. 49
[5] M. Hladik, Was trocken bleibt – bleibt algenfrei, in Algen – Pilz – Fassaden; Herausgeber P.Dolt, Maurer Verlag , Geislingen 2004, S. 95“

***

„2.6 Ultrahydrophobe, hydrophobe oder hydrophile Oberflächen

Ultrahydrophobe, hydrophobe oder hydrophile Eigenschaften beschreiben die Qualität des Wasser-Kontakts zur Fassadenoberfläche. Derartige Verhältnisse werden von den Herstellern bewusst für ihre Fassadenprodukte als besonderes Merkmal herausgestrichen. Manche Produkte werden in jüngster Zeit von hydrophob auf ultrahydrophob umgestellt, andere von hydrophob auf hydrophil usw. Es herrscht daher auf dem Putzmarkt eine gewisse Unsicherheit, es wird sehr viel experimentiert und argumentiert, ohne die Algenbesiedlungsprobleme in den Griff zu bekommen.

Algenbesiedelte Fassaden: Produkterfahrungen – Prüfungen – Grenzwerte
Mitteilungsblatt März 2010
Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V., Kiel
Seite 10

***

Der Stand der Wissenschaft ist m.E. gut beschrieben durch:
H. Venzmer u.a.: Hydrophobie forciert Algenbesiedlung energetisch sanierter Fassaden
H. Venzmer, L. Koss, N. Lesnych
Hochschule Wismar und Dahlberg-Institut e.V.
2012

Produkte mit einer mechanisch stabilen Oberfläche besitzen eine geringere Besiedlungsneigung für Algen als instabile. Hydrophile Fassadenoberflächen werden weniger häufig und weniger intensiv besiedelt als hydrophobe. Mit einem Laborschnelltestverfahren lässt sich die Besiedlungswahrscheinlichkeit prognostizieren. Das Modell der langzeitstabilen Hydrophilie ist zukünftig gegenüber anderen Modellen der Wasserabweisung zu bevorzugen.

***

Und? Ist nun alles klar? Wenn nicht, war es wenigstens interessant und lehrreich. Eins hat sich noch nicht geändert: „es wird sehr viel experimentiert und argumentiert, ohne die Algenbesiedlungsprobleme in den Griff zu bekommen.“ Und der ganze Schmus wird uns von der Industrie als hochwissenschaftlich verkauft. Zumindest versucht sie es.  Deppen gibt es ja zuhauf, die bereitwillig allen Blödsinn glauben, wenn er nur von der großen tollen Firma oder vom „anerkannten, renommierten Institut“ kommt. Selbst die Fachwelt ist nur eine einzige große Schafherde. Immerhin sind es Schafe mit einer besonderen Begabung: sie können schwimmen. Und zwar im Strom.

Ein besinnliches und erholsames Wochenende wünscht Ihnen
M. Bumann
Baufüsicker

***

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im Blog BAUFÜSICK:
Ohne Chemie und Gift gegen Algen an Fassaden
Fungizide & Algizide = Pestizide = Biozide

a.a.O.:
Algen auf Fassaden
Video bei youtube
Algen an Fassaden, Feuchte, Kalk, Schimmel, WDVS
„Algen“ bei richtigbauen.de
„Algen“ bei richtigsanieren.de

***

Technische Steigerungsformen im Fassadenbereich:

  • hydrophob
  • ultrahydrophob
  • überhydrophob
  • superhydrophob
  • hyperhydrophob
  • ultraübersuperhyperhydrophob

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