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Atmende Wände: eine Ergänzung

Eine Ergänzung. Anlass ist der Einwurf eines aufmerksamen Lesers: „Sehr geehrter Herr Bumann,in Ihrem o.g. Artikel [M.B.: Atmende Wände – und kein Ende] aus 2006 schreiben Sie: „“In Zahlentafel 38 gibt Cammerer für eine beiderseits verputzte Ziegelmauer von 40 cm Stärke ein Luftdurchgang in Höhe von 0,28 m3/m2h bei einer Druckdifferenz von 1 mm WS an, für 6,5 cm starkes Ziegelsteinmaterial hingegen nur 0,0043 m3/m2h. Hieraus und aus weiteren gemessenen Werten lassen sich folgende grundsätzliche Folgerungen ziehen: 1. der Luftwiderstand eines Mauerwerkes ist nicht durch das Steinmaterial bedingt, sondern allein durch den Putz. Dies ist selbst für den Laien ohne weiteres nachvollziehbar, …““ Ich lese gerne Ihre diversen Ausführungen im Internet, würde sie aber auch gerne verstehen. Für mich ist das  n i c h t  nachvollziehbar. Die dicke Ziegelmauer mit Putz hat einen wesentlich höheren Luftdurchgang (0,28 cbm) als die dünne Ziegelwand  o h n e  Putz (nur 0,0043 cbm). Sind die Zahlen vertauscht oder verstehe ich etwas falsch? Für kurze Aufklärung wäre ich dankbar. Mit freundlichem Gruß, Paul F.“

Da hat Herr F. durchaus Recht, die verkürzte Darstellung mag etwas unpassend sein. Die folgende Ergänzung soll dem Abhilfe schaffen.

In Zahlentafel 38 (Die konstruktiven Grundlagen des Wärme- und Kälteschutzes im Wohn- und Industriebau, Verlag von Julius Springer, Berlin, 1936, Seite 60) gibt Cammerer für verschiedene Wandkonstruktionen mit angegebener Stärke den Luftdurchgang in m3/m2h bei einer Druckdifferenz von 1 mm WS (Millimeter Wassersäule) an.

40 cm Ziegelmauer, beiderseits verputzt:                         0,28
6,5 cm Ziegelsteinmaterial:                                                      0,0043
2,5 cm Putz (Sand zu Kalk = 5:1):                                            0,14
Wie vor, 2x geweißt:                                                                     0,012
Rohrputz (Kalk : Sand : Romanzement = 1 : 5 : 0,5):       0,009
Rabitzputz (Kalk : Sand : Romanzement = 1 : 5 : 2):         0,003

Zitat: „Hieraus und aus weiteren gemessenen Werten lassen sich folgende grundsätzliche Folgerungen ziehen:

  1. der Luftwiderstand eines Mauerwerkes ist nicht durch das Steinmaterial bedingt, sondern allein durch den Putz, da die Fugen des Mauerwerks den Widerstand der Steine nicht zur Geltung kommen lassen. So lassen die Ziegelsteine selbst nur ungefähr den 380. Teil der Luftmenge durch, die durch eine Ziegelmauer mit Verputz strömt.
  2. Der Zusatz von Zement zum Verputz und jeder Anstrich, schon das einfache Weißen, verringert den Luftwiderstand bedeutend.
  3. Der Luftaustausch durch die Außenfläche eines Hauses wird so gut wie ausschließlich durch Fenster und Türen hervorgerufen.“

So weit so gut – und auch nachvollziehbar. Es ist jedoch zu bedenken, dass es um den Luftdurchgang geht. Mit dem Durchgang von Wasser in flüssigem und/oder gasförmigem Zustand hat das nichts zu tun. Im selben Buch wird im Kapitel „Die Schwitzwasserbildung in Räumen mit hoher Luftfeuchtigkeit“ ab Seite 92 behandelt, wobei der Fokus auf Räume in der Industrie liegt (Kühlräume). Bemerkenswert hier ist die Zahlentafel 53 auf Seite 94: Speicherfähigkeit von Bau- und Wärmeschutzstoffen für die Volumeneinheit und 1°C Temperaturerhöhung. Bsp. Anorganisch, Raumgewicht 1.400 kg/m3:

Speicherfähigkeit bei 0% Vol.-% Feuchtigkeit = 294.
Speicherfähigkeit bei 1% Vol.-% Feuchtigkeit = 304.
Speicherfähigkeit bei 2,5% Vol.-% Feuchtigkeit = 319.
Speicherfähigkeit bei 5% Vol.-% Feuchtigkeit = 344.
Speicherfähigkeit bei 10% Vol.-% Feuchtigkeit = 394.
Speicherfähigkeit bei 20% Vol.-% Feuchtigkeit = 494.

In dem Zusammenhang sei an die Zahlentafel 12 „Der Einfluß eines Feuchtigkeitsgehaltes auf die Wärmeleitzahl von Baustoffen und Wärmeschutzmaterialien bei Wänden (Nach J. S. Cammerer)“ auf Seite 29 erinnert. Das sagt uns: in den 20er/30er Jahren war in Deutschland die Dualität von Wärmeleitung und Wärmespeicherung bekannt, dazu auch wesentliche Einflussfaktoren. Dass dies nach 25 Jahren Wärmeschutzverordnung und 10 Jahren Energieeinsparverordnung allein auf die Wärmeleitfähigkeit beschränkt bleibt, hat mit der Einflussnahme interessierter Kreise zu tun.

Die Forschungen an der Wirkung der Feuchte auf Baustoffe wurden übrigens von Cammerer jun. fortgesetzt (Forschungsvorhaben Nr. B I 5 – 80 01 83 – 4 Einfluß des Feuchtegehaltes auf die Wärmeleitfähigkeit von Bau- und Dämmstoffen, Forschungsinstitut für Wärmeschutz e.V., München, 1988, Projektleiter: Dipl.-Ing. J. Achtziger, Sachbearbeiter: Dipl.-Phys. J. Cammerer). Die hier für Ziegelmauerwerk dokumentierten Zahlen zeigen ganz klar auf, wie exorbitant die Wärmeleitfähigkeit zunimmt, wenn die Wand z.B. wegen Polystyrol-Dämmung nicht atmen kann und sich auffeuchtet (nach DIN 4108 sind 500 ml/m² Wasser über die Heizperiode zulässig!).

Berlin, den 10.06.2012
M. Bumann

Link zum Original:
Atmende Wände – und kein Ende

***

Beiträge zum Thema im Blog BAUFÜSICK:

Atmungsaktive Wände – es gibt sie doch !?! (10.03.2008)

Eine Betrachtung zum Thema Bauwerksabdichtungen (05.03.2008)

Atmungsaktive Wände (22.02.2008)

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