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Was ist ein Geschoss?

Wahrscheinlich wird die an sich banale Frage auf Unverständnis stoßen. Na, das ist doch klar, ein Geschoss ist … Ja, was denn? Zur Abgrenzung: es geht nicht um die Definition des Vollgeschosses i.S.d. WNutzV, die in den Länderbauordnungen zu finden ist.

Die Definition nach §2 (6) MBO (Musterbauordnung) trifft eine klare Abgrenzung:
„Hohlräume zwischen der obersten Decke und der Bedachung, in denen Aufenthaltsräume nicht möglich sind, sind keine Geschosse.“

Das Verblüffende: diese logische und verständliche Formulierung findet man nicht in allen Landesbauordnungen wieder. Das führt u.U. zu bürokratischen Stilblüten und Irrationalitäten im Baugenehmigungsverfahren

* * *
Nun wäre es ja viel zu einfach, klar formulierte und verständliche Regelungen aus einem gut durchdachten Muster zu übernehmen. Das könnte ja auch dem föderalen Charakter unserer Bunten Republik widersprechen – wenn schon 16 Länderbauordnungen, dann aber – bitte schön – 16 unterschiedliche. Die Nuance macht die Souveränität aus. So oder ähnlich müssen es sich die Bürokratie-Experten im Brandenburger Bauministerium gedacht haben, als sie die Landesbauordnung kreierten, natürlich in wiederholt novellierter Form – man hat ja sonst nichts weiter zu tun.

Das Textzitat aus einem Schreiben an das kreative Ministerium – ist selbsterklärend.

„Sehr geehrte Damen und Herren,
in der Verwaltungsvorschrift zur Brandenburgischen Bauordnung (VVBbgBO, Bekanntmachung des Ministeriums für Infrastruktur und Raumordnung vom 18. Februar 2009) bin ich auf eine Passage gestoßen, die sich mir inhaltlich nicht erschließt.

Ich zitiere:
„6.6 Zu Absatz 6 Hohlräume zwischen der obersten Decke und der Bedachung, in denen Aufenthaltsräume nicht möglich sind (siehe § 2 Absatz 4 Satz 2), sind keine Geschosse im Sinne des § 6 Absatz 6. Hohlräume von mindestens 1 m Breite und mindestens 2 m Höhe gelten als Geschoss.“

Im Sinne des geschriebenen Wortes handelt es sich z.B. bei einer Installationswand, wo auch immer platziert, um ein Geschoss. Die Mindestabmessungen von 1 m Breite und 2 m Höhe sind bei diesen Konstruktionen nichts Besonderes und eine Mindesttiefe ist nicht definiert.

Ein anderes Beispiel: man baut eine kleine Treppe im Dachgeschoss zur Balkenlage auf Höhe der Mittelpfette des Satteldaches, dort oben einen kleinen Laufsteg, damit der Schornsteinfeger zum Dachausstieg neben dem Schornstein gelangt. Wir haben nun über 1 m Breite, etwas über 2 m Höhe und es genügen 30 cm, um nun einen Hohlraum zu haben, der per Definitionem VVBbgBO ein Geschoss ist.

Die Konsequenz: aus einem Gebäude geringer Höhe wird ein Gebäude mittlerer Höhe, was bei II+D gut und gerne 100-120 T€ an Mehrkosten für Brandschutzmaßnahmen im Bestandsgebäude nach sich zieht, wenngleich der Fußboden des Dachgeschosses < 7m über OFG liegt und ein etwa vorhandener Spitzboden als Aufenthaltsraum nicht in Frage kommt.

Noch ein Beispiel: ein Bestandsgebäude hat einen Spitzboden mit  2 m Höhe. Man kann zwar nur gerade so aufrecht durchlaufen, aber B > 1 m und H = 2 m – somit ist es ein Geschoss und somit rutscht der Bemessungsfußboden um 2,5-2,6 m nach oben in dieses „Geschoss“. So wird aus einem vermeintlichen Gebäude geringer Höhe eines mittlerer Höhe.

Ich konnte diese Problematik dem Sinn und Gehalt nach selbst im größeren Kreis von Planern nicht geklärt bekommen, weswegen ich mich Hilfe und Erklärung suchend vertrauensvoll an Sie wende. Vermutlich handelt  es sich um ein Problem von allgemeinem Interesse.
Mit freundlichen Grüßen“

* * *
Die ministeriale Antwort ließ nicht lange auf sich warten:
„…vielen Dank für Ihre Anfrage.Das geschilderte Problem ist erkannt und wird als Thema in die nächste Arbeitsgruppensitzung gegeben. Aus diesem Grund ist mit der Beantwortung der Frage erst in der 28. KW zu rechnen.
Mit freundlichen GrüßenIm Auftrag
…“

Nach 3 Monaten verleitete der ungeduldige Teil im Baufüsicker zu einer undisziplinierten Frage:

„Sehr geehrte Frau W.,
in der Hoffnung, Sie meinten die 28. KW 2010 bitte ich um Mitteilung, was die Diskussion in der Arbeitsgruppensitzung zutage gefördert hat.
Vielleicht ist gar jemand auf die Idee gekommen, die Definition nach §2 (6) MBO zu übernehmen: „Hohlräume zwischen der obersten Decke und der Bedachung, in denen Aufenthaltsräume nicht möglich sind, sind keine Geschosse.“
Mit freundlichen Grüßen
…“

Gesendet am 04.11.2010 um 10:25
Ergebnis der Arbeitsgruppen-Sitzung vom 01.11.2010:

Die VVBbgBO wird korrigiert werden, indem der umstrittene Satz 2 der Nr. 6.6 ersatzlos gestrichen wird.
Wann das geschiet, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden. Die unteren Bauaufsichtsbehörden werden auf der nächsten Amtsleitertagung Anfang Dezember darüber in Kenntnis gesetzt.

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Kategorien:Bauordnung Schlagwörter: ,
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 16.03.2016 um 06:01

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