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Dämmen, koste es was es wolle?

„Zu viel ist auch nicht gut. Eine immer dicker aufgestapelte Gebäudedämmung wird so ineffizient, dass vor ihr dringend gewarnt werden muss“ heißt ein bemerkenswerter Artikel von Dieter Eschenfelder im Deutschen Ingenieurblatt (DIB, 09/08).

Worum es geht, ist eingangs sehr gut umrissen: „Die Bundesregierung steht mit ihrem Klimaprogramm im Wort. Was aber leicht gesagt ist, erweist sich in der Praxis als ziemlich schwierig. Denn wer wieder zahlen soll, koste es, was es wolle, das ist der Bürger. Bei ihm wird sich aber sehr bald herumsprechen, dass Gebäudedämmungen nur bei energetisch schlecht bemessenen Gebäuden wirtschaftlich sein können und dass im Gebäudebestand eine wiederholt aufgestapelte Dämmung zur Erreichung immer neuer und höherer Niveaus so ineffizient ist, dass davor dringend gewarnt werden muss, was der Autor des folgenden Beitrags mit einigen Erkenntnissen über dieses Dilemma unter Hinzufügung einiger Klarstellungen tut.“

Wohltuend auch der Verweis auf das Wirtschaftlichkeitsgebot nach EnEG: „Auf der Grundlage des im Energieeinsparungsgesetz (EnEG) verankerten Wirtschaftlichkeitsgebots müssen sich daher alle Kosten aus den gestellten Anforderungen im Laufe normaler Nutzungszeiten durch entsprechende Reduzierung der Energiekosten refinanzieren lassen. Im anderen Falle wäre das unrechtmäßig,“In diesem Zusammenhang verweist der Autor auf das Problem beim bauen im bestand: „Dies bedeutet, dass bestehende Gebäude nach ihrer Änderung durch bautechnische Maßnahmen bezüglich ihres Primärenergiebedarfs wie Neubauten zu behandeln sind. Diese Anforderung ist sehr scharf und nur mit höchstem technischen und finanziellen Aufwand erfüllbar.“

DIN-Normen sind Vereinbarungen interessierter Kreise (BGH) und ganz offensichtlich sind Verordnungen das Ergebnis der Lobbyarbeit interessierter Kreise. Der Autor spricht dieses Problem ganz offen an: „Die politische Absicht, die Anforderungen in zwei Etappen jeweils um 30 Prozent zu verschärfen, klingt zunächst gut, lässt aber bauphysikalische Grundzusammenhänge außer Acht.“ Hiermit ist die so genannte Hyperbel-Tragik (Prof. C. Meier) des U-Wertes gemeint, welche das Gerede von den möglichst dicken Dämmstoffstärken widerlegt.

Erstaunlich auch die klaren Worte zu möglichen Konsequenzen;: „Wenn der Bürger erst spitzkriegt, dass eine immer dicker aufeinandergepackte Dämmung sich nicht rechnen kann, wird die große Enttäuschung kommen – und die Zustimmung zur Energiespar-Politik der Regierung wahrscheinlich nachlassen.“ Hierbei geht es um die Korrektur des infolge Propaganda weit verbreiteten Irrtums, dass der U-Wert der Schlüssel zur Glückseligkeit beim Energiesparen ist. Anstelle durch überzogene und unwirtschaftliche Dämmung der Gebäudehülle lassen sich durch Verlustreduzierungen in der Anlagentechnik gute Erfolge erzielen.

Während andere stets und gern von verschärften Anforderungen reden, legt der Autor den Fokus auf die Wirtschaftlichkeit. Nach Energieeinsparungsgesetz (EnEG) gelten Anforderungen als wirtschaftlich vertretbar, wenn generell die erforderlichen Aufwendungen innerhalb der üblichen Nutzungsdauer durch die eintretendenEinsparungen erwirtschaftet werden können. Bei bestehenden Gebäuden ist die noch zu erwartende Nutzungsdauer zu berücksichtigen. Dies bezieht sich auf die in § 5 festgeschriebene Forderung, dass die in den Rechtsverordnungen nach den §§ 1 bis 4 aufgestellten Anforderungen nach dem Stand der Technik erfüllbar und für Gebäude gleicher Art und Nutzung wirtschaftlich vertretbar sein müssen.

Hierzu liefert der Autor eine wunderschöne Umschreibung für das überall und immer anzutreffende Schönreden und Schönrechnen: „Der Gesetzgeber bedient sich mit der Formulierung gelten einer Fiktion, was lediglich eine durch Gesetz begründete Vermutung, dass es so sei, bedeutet. Aber auch eine solche Fiktion unterliegt grundsätzlich der Überprüfbarkeit durch die Gerichte.“ Mit dem Gebrauch des Begriffes Fiktion ist eigentlich alles gesagt.

Bemerkenswert ist, dass in Zeiten allgegenwärtiger U-Wert-Hysterie (einer nicht nur deutschen Pseudo-Religion im Auftrage interessierter Kreise) eine Fachzeitschrift solch einen Artikel veröffentlicht. Bleibt der Redaktion zu wünschen, dass sie nun nicht mit Inseratensperre abgestraft wird – und bleibt dem deutschen Michel zu wünschen, dass der §5 aus dem EnEG nicht heraus novelliert wird.

* * *

Mit ähnlichen Ansätzen befasst sich ein Artikel aus September 2002

Dämmen – koste es, was es wolle?

Dass man im Bauwesen Dämmstoffe einsetzt, ist keine Erfindung der Neuzeit. Neu ist lediglich die Hysterie, die einsetzte, als die bis dahin fast nicht zur Kenntnis genommene EnEV (Energieeinsparverordnung) per 01.02.2002 als Gesetz eingeführt wurde.

Ob Presse oder Internet, Veröffentlichungen dazu waren noch im Vorjahr eher spärlich. Obwohl der Entwurf seit Oktober jedem Interessierten zugänglich war. Aber das wird jetzt nachgeholt, von allen Seiten bekommen wir beigebracht, dass wir die Häuser zu dämmen haben, um Heizenergie zu sparen und somit einen Beitrag zur Senkung des CO2-Ausstosses zu leisten.

Diese Argumente kennen auch tausende von Mietern aus ihren Modernisierungs-Ankündigungen. Da wurde ihnen vorgerechnet, wieviel Heizenergie man einspart, nachdem 6 oder mehr cm Wärmedämmung angebracht wurden. Der Umfang an Einsparung wurde zum Maßstab der umzulegenden Kosten.

Selbst bei einer einfachen Ausführung – 6 cm Styropor, Armierung, Spachtel, Kunststoff-Reibeputz Mittelkorn, getönt oder mit Egalisierungsanstrich – kamen m2-Preise von 120-130 DM zusammen, das sind jetzt eben 60-65 €/m2. Die Gesamtkosten je Wohnhaus wurden nach Anteil der Wohnfläche umgelegt und dann mit 11% und 1/12 je Monat für die monatliche Modernisierungszulage ausgerechnet.

Das lief noch nach WSchV (Wärmeschutzverordnung von 1994, 1995 eingeführt) und die gesetzlichen Grundlagen wurden mit der Modernisierungsankündigung mitgeteilt. So weit so gut, inzwischen sind für viele einige Jahre herum, und nach spätestens drei Jahresheizkostenabrechnungen dürfte Stunde der Wahrheit sein.

Haben Sie es überprüft? Wurde tatsächlich so viel eingespart, wie vordem berechnet wurde? Nun, wenn nicht, liegt es sicher daran, dass Sie ein falsches Lüftungsverhalten an den Tag legen und die vom Vermieter verteilten Merkblätter zum richtigen Lüften nicht befolgt haben. Und wenn doch eingespart wurde: haben Sie sich mal gefragt, zu welchem Preis?

Womit wir wieder beim Thema sind: wieviel Dämmung braucht der Mensch? Nach „modernen“ Planungsansätzen sollten es mindestens 25 cm sein, besser noch 0,5 m oder gar 1,0 m. Diese Dämmstoffgebilde nennt man dann Passivhaus: eine Heizungsanlage fällt weg, eine moderne Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung soll für angenehmes Raumklima sorgen. Sie müssen sich allerdings daran gewöhnen müssen, die Fenster geschlossen zu halten.

Viele werden sich fragen, was das wohl kosten mag. Nun, nehmen Sie sich zur Beruhigung die Begründung zur EnEV her, dort werden Kostensteigerungen in der Größenordnung 1,1 – 1,5 % prognostiziert.

Ein wesentlicher Schritt nach vorn wurde mit der EnEV mit der Einbeziehung des Begriffes der Primärenergie und der komplexen Betrachtung von Hochbau und Haustechnik getan. Primärenergie bedeutet: wieviel kW Energie verbrauche ich insgesamt, um ein kW an Heizenergie zu erzeugen? Dies findet sich in der Anlagenaufwandszahl wieder, wo Anlagen mit regenerativen Energien einen besseren Faktor bekommen als Elektroheizungen.

Ansonsten dreht sich der Kern der Überlegungen um den sagenumwobenen U-Wert, der bis vor kurzem noch k-Wert hieß. Die Überlegung ist einfach: super Dämmung – super U-Wert – super Einsparung an Heizenergie. Damit lassen sich hohe Kosten rechtfertigen. Oder nicht? Auf jeden Fall wird viel von verschärften Anforderungen gesprochen.

Was leider zu wenig zur Sprache kommt, ist das Prinzip der Wirtschaftlichkeit. Das ist so neu auch wieder nicht, es wird halt nicht viel darüber geredet. Deshalb zitiere ich gern das Gesetz zur Einsparung von Energie in Gebäuden (Energieeinsparungsgesetz – EnEG) vom 22. Juli 1976 (BGBl I S. 1873), geändert durch Erstes Gesetz zur Änderung des Energieeinsparungsgesetzes vom 20. Juni 1980 (BGBl I S. 701).

Der hier vorgegebene Grundgedanke erscheint mir so vernünftig und nachvollziehbar, dass man ihn nicht oft genug wiederholen kann. Ich zitiere aus dem EnEG: § 5 Gemeinsame Voraussetzungen für Rechtsverordnungen

(1) Die Rechtsverordnungen nach den §§ 1 bis 4 aufgestellten Anforderungen müssen nach dem Stand der Technik erfüllbar und für Gebäude gleicher Art und Nutzung wirtschaftlich vertretbar sein. Anforderungen gelten als wirtschaftlich vertretbar, wenn generell die erforderlichen Aufwendungen innerhalb der üblichen Nutzungsdauer durch die eintretenden Einsparungen erwirtschaftet werden können. Bei bestehenden Gebäuden ist die noch zu erwartende Nutzungsdauer zu berücksichtigen.

(2) In den Rechtsverordnungen ist vorzusehen, dass auf Antrag von den Anforderungen befreit werden kann, soweit diese im Einzelfall wegen besonderer Umstände durch einen unangemessenen Aufwand oder in sonstiger Weise zu einer unbilligen Härte führen.

Von diesen Überlegungen sollte man sich leiten lassen, wenn man sich über das Dämmvermögen Gedanken macht. Bei Altbauten mit Wandstärken von 36,5 cm über 0,49 m bis hin zu 0,74 m wird eine aufgebrachte Wärmedämmung keine Wunder vollbringen, jedoch viel kosten und ggf. die Fassade entstellen.

Auch beim Neubau kann man mit Massivbaustoffen viel erreichen, ohne Styropor oder Mineralwolle darauf zu kleben. Denn für das Raumklima sind viele Faktoren entscheidend und es ist völlig falsch, alles am U-Wert fest zu machen.

Übrigens wurde hierzulande bereits vor Jahren an Wärmedämmung gedacht, ohne viel Theater darum zu machen. Dies wurde „im Osten“ durch TGL und durch Vorschriften der Staatlichen Bauaufsicht geregelt. Insofern sind Stahlbeton-Sturzträger mit HWL-Auflagen keine Neuigkeiten und selbst mit Hochlochziegeln musste man die Giebelwände damals dicker bauen.

Gut beraten sind Sie, wenn Sie die Vorschriften einhalten (gerade so ist auch eingehalten) und wenn jeder investierte Euro auch einen konkreten Nutzen hat. Wer will schon 1.000 Euro ausgeben, um 999 zu sparen? Nebenher sollte man auch einige bauphysikalische Belange berücksichtigen, oder ist das Phänomen der „abgesoffenen WDV-Fassade“ nur eine Erfindung?

(September 2002)

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  1. 25.08.2016 um 06:01

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